Sie wurden täglich beklatsch und als „Coronahelden“ bezeichnet. Ob auf der Intensivstation, im Pflegeheim oder im Ambulatorium – für die Menschen, die in der Medizin arbeiten, existiert kein Lockdown. Trotz hoher Infektionszahlen halten sie den Betrieb am Laufen. Aber was sind sie uns eigentlich tatsächlich wert?

„Für systemrelevante Berufe hat sich durchaus einiges verbessert“, sagt Prof. Ute Klammer. Trotzdem liege strukturell noch vieles im Argen.

Was wurde aus den "Coronahelden"?

Ein Interview des Wirtschaftsmagazins makro mit der Arbeitsexpertin Prof. Ute Klammer der Universität Duisburg-Hessen (geführt von Carsten Meyer)

makro: Was ist aus der viel beschworenen Unterstützung für „Coronahelden“ wie Pflegekräfte, Verkäuferinnen oder Paketzusteller konkret geworden?

Ute Klammer: Der demonstrative Applaus ist verebbt, aber ich denke – und hoffe – es ist doch eine gesteigerte Wahrnehmung und ein besseres Bewusstsein bezüglich der gesellschaftlichen Bedeutung von Dienstleistungsarbeit geblieben.

Immerhin konnten mit diesem Rückenwind die Tarifverhandlungen im Öffentlichen Dienst im vergangenen Oktober mit insgesamt beachtlichen Lohnsteigerungen für Pflegekräfte im Umfang von 8,7% in der normalen Pflege und 10% in der Intensivpflege bis Ende 2022 abgeschlossen werden. Es gab überproportionale Lohnerhöhungen für die unteren Tarifgruppen. Für Pflegepersonal in Heimen und Krankenhäusern wurden drei Corona-Zulagen beschlossen.

Paketzusteller und Briefboten bei der Deutschen Post bekommen durch den Tarifvertrag der Deutschen Post AG 2021/22 auch 5% mehr Geld in zwei Stufen, zudem wurde eine Einmalzahlung von 300 Euro vereinbart.

Andererseits sehen wir im Einzelhandel gerade, dass viele Verkäuferinnen durch Insolvenzen und finanzielle Schwierigkeiten von Kaufhaus- und Drogerieketten ihre Jobs verlieren. Minijobberinnen und Solo-Selbständige an den flexiblen Rändern des Arbeitsmarktes sind besonders hart durch die Folgen der Corona-Pandemie betroffen.

makro: Ein Knackpunkt ist die geringe tarifliche Bindung. Viele in systemrelevanten Berufen sind nicht tarifvertraglich geschützt, im Einzelhandel sind es nur 28%. Wird die Stärkung von Flächentarifverträgen hier Abhilfe schaffen?

Klammer: In der Tat ist die Tarifflucht ein großes Problem, und der Einzelhandel ist ein gutes Beispiel dafür. Besonders deutlich ist das in Ostdeutschland, wo schon vor Corona der Anteil der nicht tarifgebundenen Beschäftigten bei 75% und der nicht tarifgebundenen Betriebe sogar bei 86% lag.

Gerade weibliche Beschäftigte organisieren sich bisher auch zu wenig gewerkschaftlich, um für ihre Löhne zu kämpfen. Das Instrument der Allgemeinverbindlicherklärung von Tarifvertragen kann hier einen wichtigen Rettungsanker darstellen. Aber obwohl die Bedingungen hierfür schon erleichtert wurden, bleibt die Anwendung angesichts des Flickenteppichs an Tarifverträgen und der unterschiedlichen Verhandlungsarenen in den sozialen Dienstleistungsbereichen schwierig.

makro: Sie sagen, die Verantwortung für Maschinen werde besser bezahlt als die Verantwortung für Menschen. Was bedeutet das?

Klammer: Ein klassisches Beispiel hierfür war immer die bessere tarifliche Bezahlung von Tierpflegern gegenüber Beschäftigen in der Kranken- und Altenpflege. Da gibt es auch einen klaren Zusammenhang zu männlich versus weiblich dominierten Berufen.

In einem von uns durchgeführten Forschungsprojekt konnten wir erstmals auf statistischer Basis mithilfe anerkannter Kriterien der analytischen Arbeitsbewertung zeigen, dass die Arbeit von Fachkräften im Gesundheitswesen hinsichtlich der Summe der Anforderungen und Belastungen gleichwertig ist zur Tätigkeit von Ingenieuren. Die Stundenlöhne lagen allerdings nicht einmal halb so hoch.

makro: Kann es sich eine Gesellschaft, eine alternde zumal, überhaupt leisten, jene Berufsgruppen, die sich in der Krise als systemrelevant erwiesen haben, dauerhaft am Katzentisch zu halten?

Klammer: Nein! Wir haben es ja heute schon mit einem Pflegenotstand zu tun. Der wird sich mit der steigenden Zahl älterer und pflegebedürftiger Menschen weiter erhöhen, zumal veränderte Familienstrukturen und die stärkere Erwerbseinbindung von Frauen die Ressourcen für familiäre Pflege weiter reduzieren werden.

Es ist zu hoffen, dass der steigende Fachkräftemangel in der Pflege die Position der dort Tätigen so stärkt, dass sich auch höhere Löhne und bessere Arbeitsbedingungen durchsetzen lassen. Technik kann hier unterstützen, aber menschliche Fürsorge nur teilweise ersetzen. Wir sollten bereit sein, dafür auch einen größeren Anteil unseres Einkommens und Vermögens einzusetzen.


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