Erinnern Sie sich an Vieles aus Ihrer Kindheit? Und sind die Erinnerungen eher an Lustiges, Trauriges oder Glückliches? PsychologInnen haben nun herausgefunden, dass Babys sich nur an Gelerntes erinnern, wenn sie in der gleichen Stimmung sind wie zum Zeitpunkt des Lernens. Den Grundsatz dahinter weiß man bereits länger: „Wenn ich Prüfungen erfolgreich bestehen will, muss ich alles, was mir möglich ist, um mich herum so gestalten wie es später bei der Prüfung selbst sein wird.“  Vera F. Birkenbihl nannte das den „Tapeten-Effekt“.

>> Wann sich Babys an Gelerntes erinnern und wann nicht

Wenn es darum geht, Gelerntes abzurufen, kommt es bei Babys auf die Stimmung an: Was sie in ruhiger Stimmung gelernt haben, ist nicht mehr zugänglich, wenn sie aufgebracht sind und umgekehrt. Das hat eine Studie gezeigt, die Entwicklungspsychologinnen der Ruhr-Universität Bochum (RUB) mit 96 Kindern im Alter von neun Monaten durchgeführt haben. Sie berichten in der Zeitschrift „Child Development“ vom 19. August 2020.

 

Eben noch fröhlich, schon unzufrieden

Die Stimmung von Babys ist unberechenbar: Spielen sie in einem Moment noch vergnügt vor sich hin, können sie im nächsten schon untröstlich sein. „Erstaunlicherweise war bisher unbekannt, ob sich diese Veränderungen in der Stimmung auf Lernen und Gedächtnis bei Babys auswirken“, sagt Prof. Dr. Sabine Seehagen, Leiterin der Arbeitsgruppe Entwicklungspsychologie der RUB. Dass Stimmungen einen Einfluss auf das Denken haben, haben Studien mit Erwachsenen belegt. So erinnern wir uns an Erfahrungen, die wir in einer bestimmten Laune gemacht haben, besonders dann, wenn wir wieder derselben Laune sind.

Um zu untersuchen, ob es dieses als zustandsabhängiges Gedächtnis bekannte Phänomen auch bei Baby gibt, untersuchten die Forscherinnen 96 Kinder im Alter von neun Monaten. Die Babys, die zunächst entweder eine Weile ruhigen Aktivitäten wie Bilderbücher anschauen oder wilden wie Hopsen nachgegangen waren, schauten dabei zu, wie eine erwachsene Person mit einer Handpuppe agierte und hatten so die Gelegenheit, dies zu lernen. „Interessant für uns war, ob die Kinder die beobachteten Handlungen eine Viertelstunde später nachahmen konnten oder nicht“, erklärt Sabine Seehagen den Versuch. Kurz vor diesem Test wurde ein Teil der Babys durch ähnliche Aktivitäten wie am Anfang in dieselbe Stimmung versetzt wie beim Lernen oder durch entgegengesetzte Spiele in eine andere Stimmung gebracht.

 

Zugriff auf Gedächtnisinhalte verhindert

Die Kinder, die beim Lernen in einer anderen Stimmung gewesen waren als beim Abrufen des Gelernten, konnten die Handlungen mit der Puppe nicht nachahmen: Die Gedächtnisleistung war zweieinhalbmal höher, wenn die Stimmung beim Lernen und beim Abrufen des Gelernten gleich war. „Das zeigt, dass Schwankungen der inneren Verfasstheit in diesem Alter den Zugriff auf Gedächtnisinhalte verhindern können“, so Seehagen.

Die Forscherinnen vermuten darin eine Erklärung dafür, dass Erwachsene sich an die Erlebnisse ihrer frühsten Kindheit nicht erinnern können. Und Eltern können sich damit vielleicht erklären, warum ihre Kinder sich an manches erinnern können und an anderes nicht: Einiges, das das Kind in ruhiger Stimmung gelernt hat, ist möglicherweise nicht mehr zugänglich, wenn das Kind aufgebracht ist. „Wir haben in dieser Studie nur eine Altersgruppe betrachtet“, sagt Sabine Seehagen. „Weitere Untersuchungen müssen zeigen, wie der Zusammenhang zwischen Stimmung und Erinnerung sich mit zunehmenden Alter entwickelt.“ <<

Publikation:
Sabine Seehagen, Silvia Schneider, Katharina Sommer, Laura La Rocca, Carolin Konrad: State‐Dependent Memory in Infants, in: Child Development, 2020, DOI: 10.1111/cdev.13444, https://srcd.onlinelibrary.wiley.com/doi/full/10.1111/cdev.13444


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