In den meisten Haushalten zählen Fliegen zu den unbeliebtesten Haustieren. Eine bestimmte Art davon birgt jedoch einen großen Schatz an Wissen in sich: Der Fliege Drosophila verdanken wir die Entwicklung der Chromosomentheorie und viele weitere wichtige Erkenntnisse der Verhaltensforschung. In einem spannenden neuen Projekt wird nun das Verhalten in Gruppen erforscht:

>> Wie das Gehirn komplexe soziale Verhaltensweisen antreibt

ERC Starting Grant: Dr. Jan Clemens vom European Neuroscience Institute Göttingen (ENI-G) erhält Förderung durch den Europäischen Forschungsrat (ERC) in Höhe von rund 1,5 Millionen Euro.

Ein Nachwuchsforscher am European Neuroscience Institute Göttingen (ENI-G) hat mit seinem Projektantrag im Auswahlverfahren um eine Förderung durch den Europäischen Forschungsrat (ERC) überzeugt. Dr. Jan Clemens, Nachwuchsgruppenleiter am ENI Göttingen erhält einen Starting Grant des ERC. Sein als exzellent bewertetes neurowissenschaftliches Forschungsvorhaben befasst sich mit der Frage, wie das Gehirn komplexe soziale Verhaltensweisen in Gruppen antreibt. Das Vorhaben wird mit rund 1,5 Millionen Euro über einen Zeitraum von fünf Jahren gefördert. Beginn des Projekts war Anfang Februar 2020.

Der Göttinger Nachwuchswissenschaftler hat sich mit seinem Forschungsvorhaben einem zweistufigen Evaluierungsprozess gestellt und dabei schriftlich wie in einem persönlichen Interview überzeugt. Aus europaweit insgesamt 3.106 eingereichten Projektanträgen in allen Disziplinen wurden 408 Anträge zur Förderung ausgewählt, das entspricht einer Förderquote von 13,1 Prozent.

Dr. Jan Clemens, Gruppenleiter am European Neuroscience Institute Göttingen (ENI-G), erhält den Starting Grant des Europäischen Forschungsrats für seinen Projektantrag „Neural Computations Underlying Social Behavior in Complex Sensory Environments (NeuSoSen)“. Das Projekt untersucht, wie das Gehirn die oft widersprüchlichen Informationen von Interaktionspartnern verarbeitet und bewertet, um das Sozialverhalten zu steuern. Der besondere Fokus liegt dabei auf dem Verhalten in größeren Gruppen. Das Forschungsvorhaben soll hierzu neue Erkenntnisse über die zugrundeliegenden neuronalen Mechanismen liefern. „Wir wollen die komplexen neuronale Prozesse verstehen, die dem Sozialverhalten in Gruppen zugrunde liegen“, sagt Dr. Jan Clemens.

Die Fruchtfliege Drosophila dient als Modellorganismus. Fruchtfliegen sammeln sich in Gruppen auf verrottenden Früchten, um zu fressen und sich zu paaren. Interaktionen mit anderen Fliegen, wie Balz oder Aggression, werden über den Geruch, das Aussehen und akustische Signale gesteuert. Um zu entschlüsseln, nach welchen Regeln diese unterschiedlichen Informationsquellen kombiniert werden und wie diese Regeln im Gehirn implementiert sind, kombinieren Dr. Clemens und sein Team moderne Auswertemethoden aus dem „Computersehen“ mit Genetik. „Mit Hilfe des maschinellen Lernens werden wir die Feinstruktur sozialer Interaktion quantifizieren und modellieren, um so die sozialen Hinweise zu identifizieren, die das Verhalten bestimmen“, sagt Jan Clemens.

 

Der Wissenschaftler

Dr. Jan Clemens, 1978 in Berlin geboren, hat nach einer Ausbildung zum Biologie-laboranten am Berliner Max-Delbrück-Centrum für Molekulare Medizin Biologie mit Schwerpunkt Theoretische Biologie an der Humboldt-Universität zu Berlin studiert. 2012 erlangte er den Doktortitel in „Computional Neuroscience“ mit einer Arbeit im Graduiertenprogramm „Sensory Computation in Neural Systems“ am Bernstein Zentrum für „Computional Neuroscience“ (BCCN) in Berlin. Im Anschluss an einen Forschungsaufenthalt an der Princeton University in New York forscht Dr. Jan Clemens seit 2017 am ENI Göttingen. Hier leitet er die Arbeitsgruppe „Neural Computation and Behavior“ sowie die durch die Deutsche Forschungsgemeinschaft (DFG) geförderte Emmy-Noether-Nachwuchsgruppe zum Thema „Neuronale Grundlagen der akustischen Kommunikation in Drosophila“. Seit 2019 ist er an dem Sonderforschungsbereich SFB 889 „Zelluläre Mechanismen sensorischer Verarbeitung“ mit einem Teilprojekt zum Thema „Biophysikalische und molekulare Mechanismen der Mittelwert- und Varianzadaptation auditorischer Rezeptorneurone in Drosophila“ beteiligt. Außerdem arbeitet er seit 2020 mit Prof. Dr. Matthias Hennig (Humboldt-Universität zu Berlin) in einem Projekt zur „The evolution of phenotype, computation, and network mechanism of song recognition in crickets“ im Rahmen des von der DFG geförderten Schwerpunktprogramms „Evolutionary Optimisation of Neuronal Processing” (SPP 2205) zusammen.

Die „ERC Starting Grants“ dienen der Förderung von jungen Forscherinnen und Forschern aller Nationalitäten mit abgeschlossener Promotion und einer vielver-sprechenden wissenschaftlichen Erfolgsbilanz. Ziel der Förderung ist es, Forschungstalenten in Europa frühzeitig eine Perspektive zu bieten und sie zu halten. ERC Starting Grants bieten hoch talentierten Forscherinnen und Forschern die Möglichkeit, ihre Laufbahn unabhängig zu entwickeln und den Übergang von der angeleiteten Forschung zum unabhängigen und selbständigen Forscher zu schaffen. Alleiniges Auswahlkriterium ist die wissenschaftliche Exzellenz.

Das European Neuroscience Institute Göttingen (ENI-G) besteht seit Juni 2001 und umfasst derzeit sechs Forschungsgruppen. Die Wissenschaftlerinnen und Wissenschaftler des ENI-G widmen sich der Erforschung der Grundlagen von Hirn-funktionen auf molekularer, zellulärer und systemischer Ebene sowie der Ursa-chenanalyse von Störungen. Das Spektrum reicht von der Analyse der Signalüber-tragung an den Synapsen der Nervenzellen über die computergestützte Modellierung neuronaler Aktivität bis zur Untersuchung von Netzwerken, welche einfaches Verhalten bis hin zu Bewusstsein steuern können. Ziel ist es, Grundlagen zu erforschen, die zur gezielten Behandlung neurologischer und psychiatrischer Erkrankungen des Gehirns führen können. Es gehört zum Konzept von ENI-G, dass die Forschung interdisziplinär organisiert ist. Das ENI-G ist ein Kooperationsprojekt zwischen der Universitätsmedizin Göttingen und der Max-Planck-Gesellschaft München, in enger Verbindung mit den Göttinger Instituten für biophysikalische Chemie und experimentelle Medizin. Ziel des ENI-G ist die Förderung exzellenter junger Wissenschaftler auf ihrem Weg zu eigenständiger Forschung. <<

Weitere Informationen:
ENI-G: http://www.eni.gwdg.de/


0 Kommentare

Eigenen Kommentar verfassen

Diese Website verwendet Akismet, um Spam zu reduzieren. Erfahre mehr darüber, wie deine Kommentardaten verarbeitet werden.

%d Bloggern gefällt das: